29th Vilnius Jazz Festival. 13-16 October, 2016

"Vilnius Jazz' 97". Vermittelt musikalisch-produktive Prozesse

Bernd JAHNKE
 

Entstanden in Zeiten politischer Wirren,ueberlebt in Zeiten oekonomischer Instabilitaet,kompromisslos in der kuenstlerischen Konzeption,stets darum bemueht,dem Publikum musikalisch-produktive Prozesse zu vermitteln- Vilnius Jazz feierte sein zehntes Jubilaeum.

Rueckblende: In den Siebzigern und fruehen Achtzigern war es das in Vilnius ansaessige Trio Ganelin / Tarasov / Chekasin,von dem wesentliche Impulse ausgingen, in Richtung Ost wie West. Vilnius- kulturelle Drehscheibe zwischen Ost und West - diesem Anspruch ist auch Vilnius Jazz stets gerecht geworden. Da erscheint es fast als schicksalshafte Fuegung, dass Ganelin,Tarasov und Chekasin nach mehr als einem Jahrzehnt wieder bei einem Festival zu erleben waren, nicht gemeinsam- eine Reunion erscheint unmoeglich -, mit eigenen Projekten, die die unterschiedlichen musikalischen Wege dieser drei Kuenstler verdeutlichen.

Der Triobesetzung mit Saxophon , Petras Vysniauskas, und Schlagzeug / Percussion , Arkadi Gotesman, treu geblieben ist der jetzt in Israel lebende Pianist Vyacheslav Ganelin. Aus eher sparsamen, behutsam vorgetragenen Klangtupfern entwickelte sich eine sehr dichte, konzentriert wirkende Musik, Spannungen wurden durch den Wechsel expressiver und eher lyrischer Passagen aufgebaut. Vladimir Chekasin hat sich den Hang zum Einsatz theatralischer Mittel bewahrt. Sein neuestes Projekt basiert auf litauischen Folksongs, eingebunden in eine jazzspezifische Ausdrucksweise. Bei dem dramaturgisch wohldurchdachten Auftritt ging es mitunter recht furios zu, zeitweise fuehlte man sich auf ein litauisches Dorffest versetzt. Vladimir Tarasov beschraenkte sich beim Auftritt des Lithuanian Art Orchestra fast ausschliesslich auf die Rolle des Dirigenten. Unter seiner Leitung wurde das ebenfalls auf einem litauischen Folklorethema beruhende Werk "Lithuanian Divertissement" ueberzeugend umgesetzt, faszinierend die Vielfalt der Klangfarben, die von diesem dreizehnkoepfigen Ensemble, bestehend aus Musikern mit recht unterschiedlichen Spielerfahrungen, erzeugt wurden. Auch der Saxophonist Vytas Labutis, einziger bei allen Festivals vertretener Musiker, bekam die Moeglichkeit, ein eigenes Projekt zu realisieren, das von seiner sehr individuellen musikalischen Handschrift gepraegt war und den beteiligten Musikern Raeume zu solistischer Entfaltung bot, gleichwohl freies kollektives Musizieren ermoeglichte.

Recht unterschiedlich verliefen die Vorstellungen zweier Gruppen aus der Schweiz. Das Trio um den Pianisten Christoph Baumann praesentierte sich teilweise locker swingend im frei-improvisatorischen Rahmen, fuer die humorvolle Seite sorgte vor allem Bassist Jacques Siron mit seinen skurrilen Vokaleinlagen. Am Schluss des Konzertes verbuendete man sich mit dem Ganelin-Trio, der Uebergang klappte problemlos. Mit Free Jazz-Erfahrungen im Hinterkopf setzte das Werner Luedi Trio auf ausdrucksstarkes Hochenergiespiel, auf dieser Basis entstanden freie, differenziert wirkende Klaenge, eine sehr vitale, lebendige Musik auf der Hoehe der Zeit.

Zupackend ging auch die japanische Gruppe Fedayien zu Werke, die bei zwei voellig verschiedenartigen multimedielen Performances fuer den musikalischen Teil verantwortlich zeichnete. Jazz in Verbindung mit traditioneller fernoestlicher Koerpersprache zum einen, freie Improvisationen zu den Werken des Experimentalfilmers und Fotografen Teruto Soejima zum anderen, beide Projekte zeigten die Moeglichkeiten der Verschmelzung unterschiedlicher Kunstformen auf.

Last but not least - das amerikanische Oliver Lake / Sonny Simmons Quartet, das die moderne Jazztradition durchforstete und daraus eine eigene Klangsprache entwickelte, bemerkenswert die Beitraege des Bassisten Mark Dresser und der Schlagzeugerin Cindy Blackman.

Vilnius Jazz - es waren wieder vier beeindruckende Tage, man moechte dieser Veranstaltung, die in der europaeischen Festivallandschaft mittlerweile einen bedeutenden Platz einnimmt, fuer die naechsten zehn Jahre vor allem die Chance zum Ueberleben wuenschen.

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